bergedorf 11. Wirtschaftsforum der Bergedorfer Zeitung
In der Bibliothek der Hamburger Sternwarte in Bergedorf
Home / Startseite
  Bergedorf-TV - Reportagen - Wirtschaftsforum der BZ / Thema Stadtentwicklung
 
Video
  Wo liegt die Zukunft der Stadtentwicklung? Welche Trends gibt es aktuell? Wie sind diesbezügliche Bürgerinitiativen zu bewerten?
Mit diesen Themen befassten sich die Teilnehmer des 11. Wirtschaftsforum der Bergedorfer Zeitung:

Ulf-Peter Busse, Bergedorfer Zeitung (Moderation),
Prof.Dr. Ingrid Breckner, Hafencity Universität
Karl-Dieter Broks, Immobilien Consulting&Entwicklung GmbH
Dr. Ulrike Murmann, Pröpstin St. Katharinen
Prof. Jörn Walter, Oberbaudirektor der Stadt Hamburg


Dabei wurden natürlich auch die aktuellen Entwicklungen in Hamburg (Hafencity, Gängeviertel) und in Bergedorf (Schleusengärten, CCB, Multiplex-Kino) kritisch betrachtet.


Gleich zu Beginn zitierte Herr Busse den Aufruf einer Bürgerinitiative "Recht auf Stadt":

"Wir sind wütend. Wir beobachten, wie Gebäude leerstehen, während Parks und Grünflächen für neue Bürokomplexe zubetoniert werden. Wir kennen die Tücken des Wohnungsmarktes und erfahren, dass es immer weniger Sozialwohnungen in Hamburg gibt. Wir sehen, dass teure Prestigeobjekte am Hafenrand wachsen und luxuriöse Eigentumswohnungen in den als besonders attraktiv geltenden Vierteln gebaut werden. Schon jetzt müssen viele Menschen ihren Stadtteil verlassen, weil sie zu Hause die Mieten nicht mehr zahlen können."
Wir nehmen es nicht länger hin, dass der Senat unsere Bedürfnisse und Lebensqualität dem Standortmarketing und dem Wirtschaftswachstum unterordnet ! Die Unsummen, die die Stadt in HSH Nordbank, Elbphilharmonie und U4 investiert, wird sie sich über kurz oder lang im sozialen und kulturellen Bereich wieder.
Die Stadt gehört allen und muss für alle bezahlbar bleiben !
Wir wollen über Wünsche reden. Wir wollen darüber reden, in was für einer Stadt wir eigentlich leben wollen ! Wer entscheidet, was gebaut werden darf, wie wir uns fortbewegen und wer sich wo aufhalten darf ?
Was wir wollen, ist eine grundsätzlich andere Stadt, eine soziale, eine gerechte und eine demokratische Stadt.


Ulf-Peter Busse Herr Busse von der Bergedorfer Zeitung, der die Gesprächsrunde in gewohnt bravuröser Weise leitete, betonte, dass es sich dabei keineswegs um Spinner, sondern um ganz normale Bürger der verschiedensten Gesellschaftsschichten handelt, die sich in allen Vierteln der Stadt zusammen finden. Menschen, die mitreden wollen, was in ihrem Stadtteil gebaut - oder abgerissen wird. Aber nicht nur das, wie das Beispiel "Einwohnerverein St. Georg", der schon seit 1987 daran arbeitet, aus der "Schmuddelecke" ein attraktives Wohnviertel zu machen.

Und wahrscheinlich, so Herr Busse, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch in Bergedorf eine Gruppe von "Recht auf Stadt" aktiv werden wird.

Dr. Ulrike Murmann Auch Frau Dr. Murmann bestätigte, dass es sich nicht um fundamentale Proteste von Randgruppen handelt, sondern um sehr heterogene Initiativen, in denen Menschen aus mehreren Millieus zusammen finden, um sich, wie z.B. im Gängeviertel, für eine Sache einzusetzen. Und das nicht rein konfrontativ oder gar gewaltsam, sondern in kreativem Dialog und Miteinander. Eine ganz bunte Mischung von Künstlern, Kreativen, Anwälten, Architekten, Journalisten aber auch ganz "normale", bürgerlichen Menschen, die gemeinsam etwas Besseres für diesen Ort und für andere besondere Orte in Hamburg erstreiten wollen. Menschen, die bereit sind, für ihren Stadtteil - oder auch einen anderen Ort - Verantwortung zu übernehmen.

Neu ist dabei, so Frau Dr. Breckner, dass diese Initiativen nicht mehr nur ein Objekt zur Diskussion stellen, sondern gleichzeitig auch die Entwicklung anderer Orte oder der gesamten Stadt. Erschreckend findet sie, wie wenig die breite Öffentlichkeit über die Art der Entwicklungsprozesse weiß. Ihrer Meinung nach müssen die Bürger informiert werden, was eine Stadt benötigt, wie und warum sie weiterentwickelt wird, welche Auswirkungen bestimmte Aktionen haben werden oder haben könnten und welche Akteure und Entscheider an diesem Prozess beteiligt sind, um in Verhandlungen Spielräume zu lassen und Polarisationen zu vermeiden.

Prof. Dr. Ingrid Breckner Zur Hafencity waren sich alle Podiumsgäste einig: Der neue Stadtteil ist viel besser als sein Ruf !
Frau Dr. Breckner sprach sogar von regelrechten Hetzkampagnen der Medien gegen die Hafencity, die letztendlich zu Lasten der Bewohner gehen. Bei ihren Untersuchungen haben Befragte immer wieder gesagt, sie mussten sich bei Freunden und Bekannten rechtfertigen, weil sie in die Hafencity gezogen waren. Wenn die Skeptiker dann aber mal zu Besuch kamen, haben sie schnell gesehen, dass ihre Vorurteile völlig haltlos waren.
Auf keinen Fall sei der Stadtteil nur für Reiche oder Yuppies ... der Kinderanteil der Einwohnerzahl zum Beispiel entspräche dem Hamburger Durchschnitt und auch der Mietspiegel sei durchaus nicht höher als in anderen Stadtteilen, wenn man berücksichtigt, dass es sich um Neubauwohnungen in vernünftiger Qualität handelt.
Sie meinte, sie kenne kein Neubauprojekt dieser Größe in ganz Europa, dass derart reibungslos, engagiert und sozial intakt wachsen würde. Stadtenwickler aus ganz Europa würden nach Hamburg kommen, um sich ein Bild vom Projektverlauf zu machen.
Viele der neuen Bewohner fühlen sich als Pioniere und haben großes Interesse daran, ihren neuen Stadtteil mit zu gestalten. Sehr schnell haben sich Netzwerke gebildet, die sich im ständigen Austausch befinden und mit der Hafencity GmbH im Austausch und teilweise natürlich auch im kritischen Dialog befinden.

Prof. Jörn Walter Herr Prof. Walter räumte ein, dass die Stadt Hamburg bezüglich des Wohnungsbaus geschlafen habe. Hamburg als eine der wenigen "erfolgreichen" Städte in Deutschland mit ständigem Bevölkerungszuwachs benötigt seit Jahren mindestens 2000 neue Wohnungen jährlich. Wenn man dem, wie geschehen, 5-6 Jahre lang nicht nachkommt, entsteht schnell ein Defizit von 10000 Wohnungen. Und daraus resultieren dann auch ansteigende Mieten und gesellschaftliche Spannungen.
Hamburg muss also dringend für zusätzlichen, bezahlbaren Wohnraum sorgen und das auch ganz wesentlich im Bereich der Innenstadt. Hier ist, laut Frau Dr. Breckner, die Zahl der Bewohner in den letzten 100 Jahren von 120000 auf 14000 gesunken, was dazu führte, dass die City nach Schließen der Geschäfte tot ist und dadurch auch die soziale Kontrolle fehlt. Und zu dieser dringend notwendigen Belebung sollen eben auch die Hafencity und St. Katharinen beitragen.


Bezüglich Bergedorf meinte der Oberbaudirektor, er teile keinesfalls den Eindruck vieler Einwohner, dass nur am Einkaufsstandort gearbeitet werde. Allerdings habe Bergedorf in dieser Hinsicht auch viele Jahre verschlafen. Die Bevölkerung sei ständig gewachsen, teilweise auch erheblich (z.B. durch Allermöhe), die Qualität als Einkaufsstandort habe jedoch im Vergleich zu Hamburgs Mitte, aber noch entscheidender zu den umgebenden Kleinstädten, eher verloren. Also sei es durchaus richtig und wichtig, an diesem Thema zu arbeiten - was ja bereits in vollem Gange ist.

Der nächste Schritt sei nun, Mischquartiere mit dem Angebot Wohnen, Arbeiten und Freizeit zu planen und zu realisieren, die auch die landschaftlichen Potentiale Bergedorfs berücksichtigen.

Karl-Dieter Broks Das beste Beispiel dafür ist das Projekt der Schleusengärten, das in den nächsten Jahren ansteht.

Herr Broks verglich das Projekt mit der Entwicklung um die TU Harburg. In Bergedorf könne das geplante Laserforschungszentrum als eine Art Keimzelle dem neu entstehenden Quartier mit dieser Mischung aus Arbeit und Wohnen zu einer enormen Lebendigkeit verhelfen, ähnlich wie in Harburg durch die IT-Branche.

Dass durch solche neuen Quartiere natürliche Strukturänderungen stattfinden, hält er für unbedenklich.



 

Reportage
11. Wirtschaftsforum der BZ
(in der Hamburger Sternwarte):

Kamera: Mike Hoffmann, Mike Weil
Schnitt/Ton: Mike Hoffmann
Fotos:
Text: Mike Weil


       
  Startseite
    Impressum / Kontakt
      Berichte, Reportagen